logblog – donaufahrt von melk ans schwarze meer – pt. III: belgrad – ruse

30. Juni/1/2/4. Juli

 

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jetzt wären wir fast abgesoffen, alter, es geht so schnell, die dinge um die es geht, gehen immer so schnell, „es ging alles so schnell“, sagen sie immer, wenn sie die katastrophe erleben aber logisch, was langsam geht ist selten die katastrophe, höchstens die schleichende katastrophe, die man schon erwartet,  aber nicht das, was einen überkommt, wenn das denken langsamer geht als das leben, das leben einen überflutet. ja. überflutet. aber wieso so früh? wir haben beim alten mann übernachtet, eine flussmündung eine tagesreise nach belgrad, kleine, verwachsene ferienhäuser mit kreativen steglösungen, somnnenuntergang, ein junge ruft uns auf deutsch zu: „kommt ihr aus wien, einer von vielen, die in österreich oder deutschland wohnen, und zum urlaub bei ihrer familie in serbien sind. wir legen also bei seinem nachbarn an, der uns natürlich mit rakia abfüllt und uns grob gehobelte salate anbietet und alle seine nachbarn kommen vorbei, manche sprechen deutsch, manche nicht, als sie gehen ist die unterhaltung mit dem alten auch irgendwann endenwollend, denn er spricht kein wort deutsch und so gehen wir sehr früh schlafen und die jungs (rainer und paul, paul begleitet uns seit belgrad) sind anscheinend beide frühaufsteher, weshalb meine ausgleichende langschläferwirkung weniger ins gewicht fällt. ich arrangiere also das motorenbrummen in meine letzte tiefschlafphase, lasse den wind durch die offene zelttür hereinströmen und denke noch, im mutterleib muss es auch so schön geschaukelt haben. nur bleibt es nicht dabei, das schaukeln wird heftiger mittlerweile ist es ein stampfen, ein  schlingern. ich gehe hinaus und erkenne noch nicht den ernst der lage da ziemlich verschlafen und pisse vom heck in den morgenwind und merke nur wie die querverstrebung vom oberdeck im spanngurt arbeitet.

 

rainer und paul waren eigentlich gut unterwegs, bei wenig wenig wellen, doch die donau kommt zu einer ihrer bisher breitesten stellen und misst nun mehrere kilometer und der wind kommt von schräg vorne angerast und kann richtig hohe wellen aufbauen. ich also melde rainer, das wandern der verstrebung, rainer dreht zum entfernteren leeufer hin, wo wir weniger wellengang erhoffen, paul pumpt die rechte zille aus, rainer sieht sich die verstrebung an, ich übernehme kurz das steuer, wir haben alle für dreißig sekunden die linke zillle nicht im auge und durch die querfahrt fassen wir noch mehr wasser, ich merke plötzlich, dass wir links schon richtig tief drin hängen, und, rufe ihnen zu, sie sollen sofort kübeln, aber da ist es schon zu spät und die linke zille läuft komplett voll und ist gänzlich unter wasser. im schneckentempo nähern wir uns der insel auf der leeseite, die mittlere zille, die mit dem motor, läut immer mehr voll, fünzig meter noch zwanzig, wir haben es geschafft, ankern im schlamm und ufergehölz. drei ruder wurden weggeschemmt, sonst ist alles noch an bord.

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nach längeren küchenphysikalischen überlegungen beschließen wir, die unsichbare armee von zwanzig aufblasbaren krokodilen, die wir aus bisher noch nicht geklärten gründen mitführen, als schwimmkörper aufzublasen und mit spanngurten in den seitenzillen zu fixieren. in der motorzille motnieren wir die styroporquader, die wir auch geladen haben. nach fünf stunden arbeit wagen wir uns mit den neuen auftriebskörpern wieder hinaus in die dünung, die nun schwächer ist, queren zur rechten flusseite und nähern uns in ufernähe der festung ram. nachdem wir danach um die flusskurve gefahren sind und dahinter wieder bis zu einem meter hohe wellen auf uns zukommen, beschließen  wir, umzukehren, legen an und lassen uns erschöpft mit bier vollaufen.

 

das zu heute und davor:

 

in novi sad besuchen wir am zweiten tag ein free jazz konzert in ein besetzen museum, das künstler zwei wochen lang umgestalten. die stadt hat übrigens ein ausgezeichnetes radwegenetz aufzuweisen, die ganze donau entlang sind frei zugängliche soprt- und fitnessanlagen aufgebaut. die kulturszene ist bunt und überraschend. nach zwei tagen novi sad geht es weiter nach

belgrad!

 

was für eine schäbige unstrukturierte und lebendige stadt. soviel lebenslust, soviele cafes und bars und clubs,wie ich sie in keiner anderen stadt gesehen habe. feiern ist hier pflicht! wir legen bei einem nobelfischrestaurant am wasser an, wo wir die die angestelltenduschen nutzen durfen, laufen in handtüchern durch den gastraum, wo die serbischen filmstars dinieren. den inhabern,  ein sympatischer familienbetrieb, ist das egal. abends besuchen uns serbische theatermacher, eine autorin und dramaturgin mit ihrem mann und eine regisseurin. sie empfehlen uns eine bar am wasser ein paar kilometer die save aufwärts gelegen, ich schlage vor, mit dem boot dorthin zu fahren, sie laden ihre fahrräder auf und wir fahren durch das nächtliche belgrad unter hell erleuchteten brücken hindurch, an club- und restaurantschiffen vorbei, und legen schließlich am angepeilten club an.

 

nach zuviel alkohol und langen gesprächen über die theaterszene übernachten wir dort am club. nachts kommt ein unwetter auf. wir haben das zelt nicht geschlossen und verspannt, im vorraum steht das wasser, ich halte das zelt fest, rainer schläft und merkt nichts, als ich es nicht mehr alleine festhalten kann, wecke ich ihn, er kennt sich gar nicht aus und wundert sich nur über das wasser überall, und dann ist es ganz schnell auch wieder vorbei, das gewitter verzieht sich, die sonne geht auf, meine matratze ist komplett nass, ich lege mich daneben hin und schlafe weiter.

 

nach einer regenfahrt zu unserem restaurant zurück, bekommen wir frühstück vom chef persönlich gekocht. danach erkunde ich mit dem fahrrad die stadt. ich merke erst jetzt, wie bergig diese stadt ist, man fährt ständig bergauf und bergab. nach zwei tagen belgrad fahren wir durch eine abwechslungsreiche landschaft, wo wir beim alten mann und seinen freunden  landen.

 

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jetzt sitze ich in einem strandrestaurant, die sonne geht unter, schilfzäune und serbische schlagermusik, wir sind im süden angekommen. eigentlich urlaub, aber donau, heute hast du uns gezeigt, dass man dich nicht zum frühstück verspeisen kann.

 

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5/6/7/8/9.Juli

heute bin ich um halb fünf aufgestanden und losgefahren. rainer hat weitergeschlafen.  es war unaussprechlich schön. die sonne geht auf zwischen wolkenstreifen, nebel hängt in den wiesen und tälern. die landschaft ist hier so abwechslungsreich. keine auwälder mehr, sondern, berge, dünen, felder bis zum ufer, auch weingärten, davor ein schmaler schilfgürtel. kleine dörfer, schafsherden und hirten. links beginnt die walachei, der blick geht weit über steppenartiges land.

 

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wir haben es geschafft. unsere längste tagesetappe. 133 kilometer. jetzt kommen wir gerade in vidin an, unsere erste stadt in bulgarien. seit gestern abend machen wir gewitter slalom. heute sind wir die ganze zeit einer gewitterfront davongefahren, donnergrollen hinter uns, ein paar blitze, einmal haben wir sicherheitshalber auf einer insel festgemacht, da waren die wolken auch schon wieder weg.

 

die letzten tage haben wir das eiserne tor duchquert, genauer gesagt, die djerdapschluchten. an manchen stellen ist die donau nur 120 meter breit und dafür über achzig meter tief. steile felsklippen säumen das wasser. bis in die siebziger jahre war die stelle aufgrund von strömung und untiefen fast unpassierbar, durch zwei riesige staudämme ist der strom gebändigt worden und das passieren kein problem mehr. vierzig meter unter dem wasserspiegel liegen versunkene dörfer, trajans römerstraße und ein kanal, durch den die schiffe früher mit lokomotiven gezogen wurden.

 

in kladovo, kurz nach der ersten staustufe, gönne ich mir ein hotel. nach zwei wochen ohne heiße dusche (mein badezimmer ist die donau) schlafe ich zum ersten mal seit wien in einem richtigen bett. es ist ganz okay, aber das schwanken fehlt. dafür liege ich den ganzen  tag am pool, trinke campari orange, lass mich massieren, plantsche im jacuzzi herum.

 

kladovo ist recht wohlhabend, die hälfte der einwohner arbeitet im kraftwerk. doch das meiste geld kommt wie überall in serbien aus dem ausland. ein drittel der serben arbeitet außerhalb serbiens. eine junge architektin erzählt mir, dass es mit der wirtschaft immer mehr bergab geht. es gibt für junge menschen keine jobs, alle gehen weg. es gibt auch keine hoffnung, alle parteien sind korrupt, und sie glaubt nicht, dass sich etwas ändert. es ist dieselbe leier wie in ungarn. abends sitzen wir mit ihren freunden in einer bar, die eine lebt in vancouver, der andere in paris. jetzt sind alle über den sommer zu hause. serbische kleinstadt mit internationalem flair.

 

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das unglaublichste sind hier die grenz- und wasserpolizeistellen. beim ausklarieren in serbien war dies eine kleine wellblechhütte. davor ein polizist, der auf seiner zeitung eingeschlafen war.neben ihm eine angel. er war völlig alleine, umgeben von industriehafen und kränen, daneben ein verlassener duty free shop. es sah aus wie einer dieser grenzposten, an die man strafversetzt wird. in vidin in bulgarien handelt es sich dagegen um einen riesigen runtergekommenen stahlbetonbau. die fensterscheiben sind blind. im foyer steht ein tischtennistisch. der größte teil des gebäudes steht leer. die grenzbeamten haben nichts zu tun und auch keine ahnung, was zu tun ist, erklären sich gegenseitig die formulare, worunter sie dann irgendeinen stempel setzen. ich werde von einem zimmer ins andere gebracht, überall laufen fernseher. es gibt hier wahrscheinlich nichts mehr zu tun. vielleicht haben die formulare gar keine gültigkeit mehr, aber man will die älteren beamten nicht in pension schicken. vor dem gebäude ist ein ponton, das mit alten anlegestegs vollgeräumt ist. ein rollstuhlaufzug endent im nichts, ein radweg führt auf ein geschlossenes tor zu. hinunter von dem radweg kommt man nur über ein kleine holztreppchen. so ist die ganze stadt vor allem ein absurdes architektonisches durcheinander aus verschiedenen bauversuchen. im moment aber haben sie alle gehsteige aufgerissen und sind eifrig dabei, diese zu rennovieren.falls ihnen zwischendurch die EU das geld streicht, werden die nächsten jahre alle auf der straße gehen müssen.

 

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10/11/12/13. Juli

 

in ruse. wie einer vergessene stadt aus einer anderen zeit. klassizistische häuserreihen wie in einer mittlere österreichische stadt, nur viel schäbiger oder verfallen. zauberhaft. doch es gibt auch viel leben hier auf den straßen, das meiste um den riesigen freiheitsplatz mit seinen bunten kitschigen springbrunnen. bulgarien ist hier sehr mitteleuropäisch. in anderen teilen sind südländischere und orientaischere einflüsse bemerkbar. vor allem indische. ernsthaft. die wackeln hier genauso mit den köpfen, wenn sie „ja“ meinen wie die inder. das hab ich sonst nirgendwo in europa erlebt. die speisen sind mit kreuzkümmel und garam masala gewürzt, und die musik klingt manchmal nach bollywood.

 

die donau ist hier wieder viel einsamer als in serbien. die leute eindeutig weniger wasseraffin und ärmer. kaum motoboote, ein paar ruderboote und auf der rumänischen seite angler mit minischlauchbooten.

 

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und die donau ist hier tückischer und weniger klar ausgebojt. eine schwierige kombination. bei wellengang unsichtbare untiefen ragen weit in die flussmitte hinein, zweimal wären wir fast aufgesessen, einmal hatten wir sogar  grundkontakt, der motor hat gerumpelt, als würde er gleich in alle einzelteile zerspringen. wir halten uns auf alle fälle eine weile wieder an die fahrrinnenmarkierungen, soweit sie vorhanden sind.

 

das wetter ist weiterhin gut zu uns. wenn gewitter sind, dann immer nur vor oder hinter uns, wir erwischen immer die richtigen slots. das neu angebrachte sonnensegel am führerstand hilft uns auch über die paar richtig heißen tage hinweg.

 

vor drei tagen haben wir an einem steg bei einem gebäude übernachtet und wissen noch immer nicht genau, wo wir da eigentlich waren. ein haus, groß wie ein hotel, leerstehend, gepflegter rasen, ein amphibienfahrzeug im park, ein unkomplizierter portier,ein paar straßenhunde,  festbeleuchtung im ganzen park und am anleger. leere. stille.

 

vorgestern waren haben wir in svishtov, an einem rumänischen schubschiff angelegt und mit der besatzung auf ihrem schiff, das auf fracht wartet und dann nach wien aufbricht, über untiefen und frauen gesprochen, rumänische und österreichische weine getrunken und backgammon gespielt. das schubschiff hat zwei riesige 2500 PS-motoren,   wir haben immerhin einen 30 PS-Motor.

 

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svishtov ist entweder verdammt wohlhabend oder bekommt viel EU-förderung. Die bulgarische kreativität bez. stadtarchitektur findet hier auf einem exklusiveren niveau statt: hier gibt es beleuchtete gehsteige und eine aufwendige fußgängerbrücken in den frachthafen. auf dem hauptplatz steht ein billa. Und eine raiffeisenbank. sieht ein bisschen aus wie waidhofen an der thaya.